| Veranstaltung: | Mitgliederversammlung am 19. Juli 2021 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 2. Anträge an den Kreisverband |
| Antragsteller*in: | Grüne Jugend Leipzig (dort beschlossen am: 01.04.2021) |
| Status: | Eingereicht |
| Angelegt: | 24.06.2021, 10:12 |
A3: WIR WOLLEN ES QUEERFEMINISTISCH! - QUEERFEMINISTISCHE GRUNDSÄTZE DER BÜNDNISGRÜNEN LEIPZIG
Antragstext
Bündnis 90/Die Grünen versteht sich als vielfältige Bündnispartei. Deshalb
sollte der Anspruch an sich selbst auch sein, alle Menschen mitzunehmen und
ihnen einen Platz im politischen Diskurs zu geben. Nur so kann echte Diversität
entstehen. Leider werden marginalisierte Menschen oft noch zu wenig
wahrgenommen. So werden zum Beispiel die Stimmen von Frauen aber insbesondere
auch von Inter-, Trans*- und Nonbinary Personen in politischen und
gesellschaftlichen Debatten immer noch überhört oder nicht ernst genommen.
Bündnis 90/Die Grünen Leipzig begreift sich als ein queer-feministischer
Verband. Das bedeutet, dass alle Menschen, unabhängig ihres sozialen oder
biologischen Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer
Geschlechtspräsentation sich frei im Kreisverband entfalten können sollen. Die
Mitglieder des Kreisverbandes wollen sich von einem Denken in ausschließlich den
binären Geschlechterkategorien "Frau" und "Mann" abwenden und erkennen die
Vielfältigkeit der Geschlechtsidentitäten jenseits des binären Spektrums an.
Die Solidarität gilt allen von Sexismus Betroffenen. Intersektionale Aspekte –
das bedeutet die Überschneidung und Überlagerungen mehrfacher
Diskriminierungsformen wie Sexismus, Rassismus und Klassismus – werden dabei
mitgedacht. Menschen jenseits der binären Geschlechtsidentifikation fördert und
empowered der Kreisverband aktiv.
Dabei stellt der Kreisverband klar, dass queer-feministische Ansätze keine
Konkurrenz zwischen diskriminierten Geschlechtsidentitäten bedeuten. Vielmehr
wird ein gemeinsamer Kampf gegen das Patriarchat sowie cis-1 und
heteronormative2 Gesellschaftsmuster angestrebt. Patriarchale Strukturen haben
keinen Platz im gemeinsamen Miteinander innerhalb des Kreisverbands und überall,
wo solche erkannt werden, werden diese reflektiert und dagegen vorgegangen. Im
Zuge dessen sieht der Kreisverband einen Bedarf an Bildungs- und
Aufklärungsarbeit, um eine verbesserte Ausgangslage für die Auseinandersetzung
mit dem Thema im Kreisverband zu schaffen. Das Empowerment aller von Sexismus
Betroffenen trägt zudem zu einem vielfältigeren und diskriminierungsfreieren
Kreisverband bei.
Der Kreisverband Bündnis90/ Die Grünen Leipzig:
1. Versteht Queerfeminismus als Querschnittsthema im Kreisverband, das in alle
anderen Ebenen hineinwirkt und dort Beachtung findet.
2. Zeigt sich solidarisch mit Inter-, Trans*- und Nonbinary Personen sowie der
Queerfeministischen Bewegung und erkennt deren Lebensrealitäten an.
3. Fordert die Marginalisierung von Inter-, Trans*- und Nonbinary Personen
endlich zu beenden.
4. Sieht die weiterführende Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit eigenen
queerfeindlichen Positionen und Strukturen innerhalb des Verbandes als seine
Aufgabe und setzt sich für eine konsequente und strukturierte Förderung von
Inter-, Trans*- und Nonbinary Personen ein. Dafür erarbeitet der Kreisverband
ein Konzept, das der Mitgliederbasis zum nächst möglichen Zeitpunkt zur
Verfügung gestellt wird. Für dieKonzeptionierung kann der Kreisvorstand zum
Beispiel die AG Gleichstellung, Frauen und LSBTIQ* und die Grüne Jugend Leipzig
mit einbeziehen.
5. Bestärkt seine Mitglieder sich in die AG Gleichstellung, Frauen und LSBTIQ*
und LAG Geschlechterpolitik mit queerfeministischen Forderungen einzubringen und
die Politik von Bündnis 90/DIE GRÜNEN maßgeblich zugunsten des Queerfeminismus
zu beeinflussen.
6. Begleitet die Umsetzung des Bundesfrauenstatuts stets mit kritischem Auge,
mit dem Ziel einer progressiven Weiterentwicklung dessen hinsichtlich der
perspektivischen Einebeziehung von Inter-, Trans*- und Nonbinary Personen.
7. Fördert die explizite Bildungsarbeit zu queerfeministischen Themen und
Anliegen in Form von regelmäßig stattfindenden Vortragsreihen und Workshops.
Dafür werden die finanziellen Mittel zur Förderung von Inter-, Trans*- und
Nonbnary Personen ausgeschöpft. Für die Planung kann der Kreisvorstand zum
Bespiel die AG Gleichstellung, Frauen und LSBTIQ* und die Grüne Jugend Leipzig
mit einbeziehen.
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1Cis = bedeutet, dass sich Menschen mit dem Geschlecht identifizieren, dass
ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde, also nicht trans*. Cissexismus
bezeichnet die Vorstellung, dass sich Geschlechtszugehörigkeit an Genitalien
oder anderen körperlichen Merkmalen feststellen lässt. „Genetisches“, „Geburts-“
oder „biologisches“ Geschlecht sind cissexistische Konzepte. Körperliche
(Geschlechts-)merkmale lassen weder einen sicheren Rückschluss auf die
Chromosomen einer Person, noch auf ihr soziales Geschlecht (-> Gender) zu.
Cissexismen führen oft zu transphober und transmisogyner Gewalt, da
Trans*personen cissexistische Normvorstellungen in Frage stellen.
2Heteronormativität = bezeichnet eine Sicht auf die Welt, in der davon
ausgegangen wird, dass heterosexuelle Menschen die Norm sind. Oft wird hier auch
davon ausgegangen, dass es zwei Geschlechter (männlich und weiblich) gibt, in
die Menschen „hineingeboren“ werden. Das bedeutet, dass Menschen, die nicht
heterosexuell bzw. cis sind, von dieser Weltansicht entweder versehentlich oder
absichtlich ausgeschlossen werden.
Begründung
Warum brauchen wir diesen Antrag? Bündnis 90 / Die Grünen sind eine feministische Partei. (Mindestens) die Hälfte der Macht den Frauen ist bei uns - dank unermüdlicher feministischer Kämpfe - gelebte Praxis. Um das abzusichern, haben wir ein Bundesfrauenstatut, das die gleichberechtigte Partizipation von Frauen sicherstellt. In den letzten Jahrzehnten ist aber sowohl der Wissenschaft wie auch der Gesellschaft klargeworden: es gibt mehr als nur diese zwei Geschlechter. Entscheidend ist außerdem nicht das zugeschriebene Geschlecht, sondern die geschlechtliche Identität. Das hat auch der Grüne Bundesparteitag 2019 anerkannt und im Bundesfrauenstatut festgeschrieben: "Von dem Begriff „Frauen“ werden alle erfasst, die sich selbst so definieren." Aber wie können wir sicherstellen, dass Transpersonen und nichtbinäre Personen sich auch wirklich inkludiert partizipieren? Der neu geschaffene und bisher leere TINO-Platz (ein Platz für Trans, Inter und nichtbinäre Menschen) im Vorstand zeigt: wir müssen noch mehr tun.
Was sind unsere konkreten Vorschläge? Dass Bündnis 90 / Die Grünen die Gesellschaft hinsichtlich ihrer geschlechtlichen Vielfalt derzeit noch nicht abbilden, lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Doch wir wollen diesen Prozess lieber heute als morgen angehen. Wir wollen uns als Kreisverband mit dem Thema auseinandersetzen, Bildungsangebote anbieten und wahrnehmen und uns mit diesem entwickelten queerfeministischen Position auch auf anderen Ebenen unserer Partei einbringen. Denn wir sind der Überzeugung, dass sich eine Partei, die sich für die Emanzipation, freie Entfaltung und Gleichberechtigung aller Menschen einsetzt, nur mit einem Feminismusbegriff arbeiten kann, der auch wirklich ALLE Menschen erfasst.
Ist der Antrag da das richtige Mittel? Uns ist bewusst, dass mit diesem Antrag nicht alle strukturellen Probleme aus der Welt geschafft werden, und trotzdem ist er so wichtig, weil er ein Schritt in Richtung Repräsentation und Gleichstellung für alle Geschlechter ist. Der Antrag soll demnach den Anfang eines Prozesses darstellen. Er dient als eine Art Selbstverpflichtung an uns als Kreisverband, dass wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen wollen. Wir wollen uns durch diesen Antrag positionieren und solidarisch hinter unsere queeren Mitglieder stellen. Außerdem ist es ein Zeichen an alle queeren Menschen, dass sie sich im Kreisverband Leipzig einbringen können und sollen.
Was ist eigentlich Queerfeminsmus?
Viele feministische Strömungen nutzen die universale Kategorie „Frau“ als Fundament für eine gemeinsame Identität und als Basis für den Gleichberechtigungskampf. Damit aber wird eine binäre (das bedeutet, strikt zweigeteilte) Kategorisierung von „Frau“ und „Mann“ beibehalten. Mittlerweile wissen wir aber, dass es eine Vielfalt der Geschlechter und sexueller Orientierungen gibt. Der Queerfeminismus inkludiert also Menschen, die von den ursprünglichen Feminismus-Bewegungen nicht primär berücksichtigt wurden, zum Beispiel nicht-binäre Menschen (Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann identifizieren). Queerfeminismus setzt sich somit für alle vom Patriarchat unterdrückten Menschen ein.
Und nun? Queerfeminismus oder Feminismus?
Klar, Feminist*innen setzen sich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann ein, übernehmen aber auch die Kategorisierung in „Frau“ und „Mann“. Queerfeminist*innen setzen sich für die Gleichberechtigung einer Vielfalt von Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen ein. Während also Feminismus einen engeren Rahmen steckt, nimmt Queerfeminismus Feminismus als Bewegung auf und erweitert ihn. Dabei berücksichtigt er auch intersektionale Diskriminierungen - also Mehrfachdiskriminerung aufgrund von rassistischer Zuschreibungen, Behinderungen oder Alter. Wichtig ist: es geht nicht um eine rein theoretische Debatte oder intellektuelle Spielerei, sondern ist eine Antwort auf eine Vielzahl von Diskriminerungsformen, die über die Unterdrückung von Cis-Frauen (Frauen, die dieses Geschlecht bei der Geburt zugeteilt wurden und sich dem zugehörig fühlen) hinausgehen.
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